MVZ – Ambulante Versorgung aus einer Hand: Wirtschaftliche Chancen und Risiken für Ärzte und Betreiber

Ein Autorenbeitrag von Ingo Wiese

Bereits seit 2004 ist es in Deutschland zulässig, Medizinische Versorgungszentren, kurz MVZ, zu gründen. Rechtliche Grundlage dafür bildet § 95 des Fünften Sozialgesetzbuchs (SGB V, „Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung“). Die Anzahl der MVZ steigt seit 2004 stetig: Laut Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung existierten im ersten Quartal 2010 rund 1.500 MVZ in Deutschland mit gut 7.500 dort tätigen Ärzten. Überwiegend zählen neben Vertragsärzten Krankenhäuser zu den Gründern eines MVZ.[1]

Sicherlich ist nicht jeder Standort und jede Persönlichkeit geeignet, ein MVZ zu gründen, in einem MVZ zu arbeiten oder ein MVZ zu begleiten. Dennoch: Die Gründung eines MVZ bietet aus wirtschaftlicher Sicht viele Vorteile für Betreiber sowie die in MVZ tätigen Ärzte. Aber wie bei jeder Unternehmensgründung gilt es auch, Risiken mit ins Kalkül zu ziehen. Chancen und Risiken werden im Folgenden näher erläutert.

Grundsätzliche Voraussetzung zur Gründung ist, dass mindestens zwei Kassenarztzulassungen in zwei verschiedenen Facharztgebieten vorliegen. Ob die Kassenarztzulassungen in der Folge an das MVZ übertragen werden oder nicht, ist im Einzelfall zu entscheiden.

Die Übertragung der Zulassung auf das MVZ wird nicht unentgeltlich erfolgen. Hier gelten im Zweifel die Grundsätze der Veräußerung von erfolgreich wirtschaftenden Praxen. Die jeweiligen Praxen werden letztlich in eine neue Gesellschaft als „Wert an sich“ eingebracht. Dieser Wert ist zu ermitteln.

Übertragen werden im Regelfall auch die bereits bestehenden Verträge. Hier ist auf einen geordneten Übergang zu achten – wie zum Beispiel die Entlassung des einzelnen Arztes aus der Haftung.

Fest steht, dass, sofern Änderungen in der Versorgungssituation auftreten, die Zulassungssperren grundsätzlich nicht für nachrückende Ärzte eines MVZ gelten. Von der sich ändernden Bedarfsplanung werden die MVZ letztlich nicht berührt, ausscheidende Ärzte können von nachfolgenden Ärzten gleicher Qualifikation ersetzt werden. Eine Zugangsbeschränkung gilt nicht.

Zu überlegen ist auch, ob die zum Betrieb eines MVZ erforderlichen Zulassungen in Gänze zur Verfügung gestellt werden müssen, oder ob anteilige Überlassungen ausreichend sind.

Die Vorteile eines MVZ liegen neben anderen in den zahlreichen Möglichkeiten zur Kosten­senkung. Dezidiert zu planen ist deshalb die Aufbau- und Ablauforganisation, um Verwal­tungs- und Betriebskosten zu minimieren. Über den Weg einer optimierten Verwaltung – also weniger Personal, weniger Sachaufwand, kurze Wege und mehr Patienten im Durchlauf – werden die zu erzielenden wirtschaftlichen Ergebnisse regelmäßig verbessert.

Erhebliche Chancen bietet auch die Tatsache, dass eine Vielzahl von Gesellschaftsformen geeignet sind, ein MVZ zu beherbergen. Personengesellschaften wie die GbR sind dabei ebenso möglich wie Kapitalgesellschaften (z. B. GmbH, AG). Größere Organisationen nut­zen vorwiegend die Organisationsform einer GmbH.

Entscheidend ist jedoch die interne Struktur, das heißt die interne Verteilung der Kosten und Erlöse sowie die grundsätzliche Verteilung eines von der Gesellschaft erzielten bzw. zu er­zielenden Gewinnes und die Abgeltung der eingebrachten Praxen.

Wirtschaftliche Chancen und Risiken im Überblick:

1.     Wesentlich bei der Gründung eines MVZ ist es, das Projekt umfassend zu planen und die Umsetzung kontinuierlich zu begleiten, um ein wesentliches Ziel – die Optimierung der wirtschaftlichen Ergebnisse – immer im Auge zu behalten.

2.     Die Rentabilität eines MVZ ist nicht auf innerstädtische Bereiche beschränkt. Auch in Randbereichen zu Städten oder Großstädten sowie im ländlichen Raum sind optimierte Umsetzungen möglich.

3.     Auch die Fachbereiche und sonstige einzubeziehenden Komponenten (Apotheken, Orthopädiefachbetriebe, Drogerien oder Cafes und letztere nicht als Gesellschafter des MVZ sondern als Servicebetriebe) müssen in die Planung einbezogen werden.

4.     Für den Verzicht von eigenen Kassenarztzulassungen für die Initiatoren beziehungs­weise für diejenigen, die ihre Kassenarztzulassungen auf das MVZ übertragen, gilt es, eine Abgeltungsregelung zu treffen.

5.     Eine der ersten und zugleich wichtigsten Entscheidungen ist die Wahl der geeigneten Gesellschaftsform.

6.     Für die Kosten und Erlöse ist es wichtig, eine umfassende und nachvollziehbare Rege­lung zu finden, hierunter fällt auch eine leistungsgerechte Bezahlung, eine individuell zu­geschnittene Altersversorgung und damit verbunden die dauerhafte Sicherstellung der Pflege und Administration der Versorgungsverträge.

7.     Eine Beteiligung der angestellten Mitarbeiter in Form von Gesellschaftsanteilen oder eine Beteiligung an Gewinnen hilft, die Motivation zu beschleunigen.

8.     Um ein zweites lukratives, vermögensbildendes Standbein zu schaffen, ist es ratsam, die Möglichkeit eines Immobilienerwerbs zu prüfen.

9.     Aufgrund der Risikostreuung, die sich für ein MVZ aus der Vielzahl der dort tätigen Ärzte und der damit verbundenen hohen Umsatzerwartung ergibt, besteht die Chance auf günstige Kredite und eine Minderung des Zinsbelastung.

10.  Im Gegensatz zum Modell der Polikliniken aus der ehemaligen DDR, mit dem MVZ häu­fig verglichen werden, soll sich die Bezahlung grundsätzlich nach Leistung und Einsatz richten. Individuelle Entscheidungen müssen gewährleistet sein, eine minimale Verwal­tung und maximaler Gewinn stehen im Vordergrund.

11.  Durch die ambulante Versorgung aus einer Hand hat ein MVZ auch für Patienten viele Vorteile. Die Folge: Ein erhöhter Zulauf.

12.  Paragraph 103 Absatz 4a des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) regelt die Zulassungs­beschränkungen zur gesetzlichen Krankenversicherung. Ein MVZ erleichtert die Nachbesetzung auch im Rahmen von möglicherweise bestehenden Zulassungs­beschränkungen für einzelne Fachgebiete.

13.  Eine weitere Chance besteht in der Schaffung finanziell autarker und schlagkräftiger Ein­heiten – auch als „Konkurrenzveranstaltung“ zu den häufig von größeren Gesellschaften gegründeten „Ableger“-MVZ.

14.  Die Möglichkeit, Nebeneinrichtungen medizinischer und nichtmedizinischer Art zu schaf­fen, stellt zusätzlich eine attraktive Einnahmequelle dar. Damit einher geht beispielsweise die Staffelung des anzusetzenden Mietzinses. So zahlen etwa Kernbereiche im medizini­schen Sektor einen Quadratmeterpreis von zwölf Euro, medizinische Nebeneinrichtungen wie Sanitätshäuser, Pflegedienste, physiotherapeutische Praxen ca. 15 Euro pro Quadratmeter. Der Mietzins für nichtmedizinische Nebeneinrichtungen wie Management, Café, Drogerie, Friseur etc. könnte bei 18 Euro pro Quadratmeter liegen. Natürlich ist auch jede andere Staffelung denkbar.

15.  Insbesondere im Vergleich zu Einzelpraxen wird auch der finanziell abgesicherte Ausstieg aus der Gesellschaft erleichtert und ersetzt die aufreibende Suche nach einem Nachfolger.

Über den Autor

Ingo Wiese ist selbstständiger Rechtsanwalt in Hamburg. Tätigkeitsgebiete des Fachanwalts sind unter anderem Insolvenzrecht, Unternehmenssanierung, Unternehmensnachfolge und Steuerrecht.


[1] Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung, Medizinische Versorgungszentren aktuell, 1. Quartal 2010

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