Barmer GEK Arztreport 2011: Deutschland ist Weltmeister bei MRT-Untersuchungen

Bildgebende Diagnoseverfahren kommen in der medizinischen Versorgung der Bundesrepublik Deutschland flächendeckend zum Einsatz, teilweise deutlich mehr als in vergleichbaren Industrieländern. Laut dem aktuellen „Arztreport“ der Krankenversicherung Barmer GEK erhielten im Jahr 2009 rund sechs Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung, also 4,88 Millionen Menschen, mindestens eine Computertomographie (CT) und 7,2 Prozent, also 5,89 Millionen Menschen, mindestens eine Magnetresonanztomographie (MRT), auch bekannt als Kernspintomographie.

Im Jahre 2009 kamen auf 1000 Einwohner 114 CT-Untersuchungen und 97 MRT-Untersuchungen. Damit liegt Deutschland bei den CT-Untersuchungen international im Mittelfeld, bei den MRT-Untersuchungen aber an der Spitze.

Medizinischer Fortschritt und hohe Kosten

Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, sieht das positiv: „Unsere Versicherten profitieren vom medizinischen Fortschritt und das Solidarsystem der Gesetzlichen Krankenversicherung zeigt seine Leistungsfähigkeit.“

Gleichzeitig verweist Schlenker auf geschätzte Gesamtkosten von 1,76 Mrd. Euro pro Jahr für CT und MRT-Untersuchungen. Dabei entfällt ein Anteil von rund 1,25 Mrd. Euro auf den ambulanten Bereich (ca. 3,2 Prozent der ärztlichen Behandlungskosten im ambulanten Bereich). Die zunehmende Strahlenbelastung durch CT-Nutzung sieht Schlenker jedoch kritisch: “Wir dürfen diese Medizintechnik nicht nur einsetzen, weil sie modern ist. Die medizinischen Möglichkeiten nehmen zu, eine differenzierte Diagnostik wird immer wichtiger. Aber jede Diagnostik muss zu therapeutischen Entscheidungen führen.”

Wissenschaftler des Hannoveraner Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) haben für die Barmer GEK die Untersuchungsraten der letzten Jahre ausgewertet. Der Trend zeigt beständig nach oben, ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Zwischen 2004 und 2009 stieg die Zahl der Personen mit mindestens einer Computertomographie (CT) um insgesamt 26 Prozent. Der Bevölkerungsanteil mit mindestens einer Magnetresonanztomographie (MRT) erhöhte sich im selben Zeitraum um insgesamt 41 Prozent.

MRT beliebt bei Ärzten und Patienten

Nicht nur bei Ärzten, auch bei Patienten sind diese Formen der Diagnose beliebt. Bei einer Patientenbefragung wurde gefragt, wie wichtig die Untersuchung mit MRT zur Abklärung der eigenen Kniebeschwerden gewesen sei. 90 Prozent hielten sie für „sehr wichtig“, nur ein Prozent gab an, dies nicht beurteilen zu können.

Für Professor Friedrich Wilhelm Schwartz vom ISEG sagt die breite Nutzung noch nichts über den medizinischen Nutzen aus: „In welchen Fällen das MRT sinnvolle therapeutische Konsequenzen nach sich zieht, die ohne MRT ausgeblieben wären, lässt sich nur schwer quantifizieren.“ Bei Knieuntersuchungen, so der ehemalige Vorsitzende des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen, dürfte man in MRT-Bildern fast immer einen pathologischen Befund sehen.

3,4 behandelnde Ärzte im Durchschnitt

Der Arztreport 2011 der Barmer GEK liefert weitere wichtige Kennzahlen und Trends zur ambulant-ärztlichen Versorgung. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung hatte im Jahr 2009 mindestens einen ambulanten Arztkontakt, wobei 16 Prozent der Patienten nur eine Arztpraxis aufsuchte, rund 41 Prozent aber vier und mehr. Im Durchschnitt wurden 3,4 unterschiedliche behandelnde Ärzte bzw. Arztpraxen aufgesucht. Etwa 10 Prozent kontaktierten mehr als sechs unterschiedliche Ärzte, bei 1,2 Prozent der Bevölkerung wurden Leistungen sogar von mehr als zehn unterschiedlichen Arztpraxen abgerechnet.

Auswertungsbasis sind die pseudonymisierten Daten von rund 8,2 Millionen Barmer GEK Versicherten. Der repräsentative Datenpool entspricht zehn Prozent der deutschen Bevölkerung und ermöglicht differenzierte Auswertungen.

Konsequenzen unklar

Während Kassenvize Schlenker laut einem Bericht der Tageszeitung Die Welt vom 2. Februar keine politischen Forderungen aus diesem Befund ableiten wollte, wurde Prof. Dr. med. Friedrich Wilhelm Schwartz von der Medizinischen Hochschule Hannover, einer der Co-Autoren der Studie, deutlicher: „Einer der wichtigsten Kostentreiber ist nicht die Demografie, sondern die technische Entwicklung“. Je besser die technischen Möglichkeiten in den Arztpraxen seien, desto aufwändiger würden die Untersuchungen. Das Angebot suche sich seine Nachfrage. Andere Medien, wie zum Beispiel Spiegel online, interpretierten den Bericht und die Zitate der beteiligten Fachleute in ähnlicher Weise.

Die geäußerte Kritik am Gesundheitssystem ließ offen, ob und wie innovative kooperative Versorgungssysteme, wie sie zum Beispiel Medizinische Versorgungszentren (MVZ), zu der Lösung beitragen könnten. Kann eine bessere Abstimmung zwischen Vertretern einzelner ärztlicher Fachrichtungen überflüssige Untersuchungen verringern? Können kooperative Systeme dabei helfen, medizinische Ausrüstung besser auszulasten und den Kostendruck auf einzelne Ärzte zu senken? Antworten auf diese Fragen wurden nicht gegeben.

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